Neoschamanismus -

Neoschamanismus

Neoschamanismus ist eine esoterische Neuinterpretation des Schamanismus. Oder wie es die freie Enzyklopädie passend formuliert:

Neoschamanismus bezeichnet eine moderne, westliche Form der Esoterik, die sich auf den Schamanismus bezieht. (Wikipedia)

Neoschamanismus ist genau genommen also keine tatsächliche Schamanismusart, sondern vielmehr eine Entartung aus dem Kernschamanismus, die sich gemeinsam mit der Esoterik entwickelt hat. Die Bewegung des Neoschamanismus ist auf die 1980er Jahre zurückzuführen, als der Anthropologe Michael Harner mit schamanisch geprägten Publikationen die Esoterikszene begeisterte. Seitdem interessieren sich zunehmend auch Strömungen wie Wicca oder Ásatrú aus dem Neopaganismus für die schamanische Religion und versuchen, sie für sich zu beanspruchen.

Im Neoschamanismus bilden die schamanischen Techniken der Foundation for Shamanic Studies von Michael Harner die Grundlage, welche mit unterschiedlichen Schamanismus-Richtungen und Traditionen aus der ganzen Welt vermischt werden. So wenden Neoschamanen häufig Reiki aus Japan an, während sie gleichzeitig christliche Engelorden anrufen und germanische Runen verwenden. Manche sind zusätzlich noch Anhänger der Huna-Lehre aus Hawaii oder haben eine Vorliebe für Indianische Spiritualität. Andere wiederum sind gleichzeitig sowohl Mitglied eines magischen Ordens (z.B. O.T.O, I.O.T), als auch Anhänger der Chaosmagie und einer afrikanischen oder kubanischen Religion (z.B. Voodoo, Santeria).

Kultureller Diebstahl? Ein Fremdwort! Egal von welcher Kultur und Religion man sich bedient – es ist in Ordnung, passt wunderbar zusammen, denn: alles ist Eins (oder besser gesagt: EINE Suppe). So darf man sich nicht wundern, dass sich hinter dem Neoschamanismus häufig Elemente aus dem Buddhismus, Christentum, Daoismus, Hinduismus und dem germanischen oder keltischem Heidentum verbergen, gelebt und praktiziert werden. Neoschamanismus ist also ein Sammelsurium aus den unterschiedlichsten schamanischen Traditionen und esoterischer Praktiken unter dem Esoteriker als sog. „schamanisch Praktizierende“ auf dem Esoterikmarkt Fuß fassen, das große Geld machen oder einfach mal wer sein möchten. Der Profilneurose im Neoschamanismus sind keine Grenzen gesetzt.

Zentrale Elemente des Neoschamanismus

Hinter dem von der westlichen Esoterik erfundenen Neoschamanismus finden sich immer wieder Klangschalenmassagen, Trommelabende, schamanische Ausbildungen, Plastikschamanen aus dem Feuerschamanismus oder dem White Feather Schamanismus, Engelreadings, schamanische Fantasiereisen oder schamanische Meditationen. Besonders beliebt jedoch sind und bleiben Schwithüttenzeremonien, Trommelbaukurse, energetisches Feng Shui und schamanische Radiästhesie. Den Angeboten im Neoschamanismus sind ebenfalls keine Grenzen gesetzt, da quasi alles, was man sonst zur Esoterik zählen würde, seinen Platz im Neoschamanismus findet. Das ist natürlich kein Zufall, sondern der verzweifelte Versuch von Esoterikern ein bisschen seriöser zu wirken, um mehr Respekt zu bekommen und weniger belächelt zu werden.

Neoschamanen und schamanische Ausbildungen

Buddha Neoschamenen benutzen wie Plastikschamanen den Schamanismus als Deckmantel für ihren eigenen kommerziellen schamanischen Cocktail. Man darf sich also nicht wundern, wenn im Zuhause des Neoschamanen Buddha, Bonsai und christliche Engel nebeneinanderstehen, während an der Wand indianische Traumfänger, japanische Reikisymbole oder Zertifikate hängen und im Hintergrund indische Meditationssmusik läuft. In der Regel sind es es gerade Neoschamanen, die am lautesten nach dem heimischen Schamanismus rufen, dabei jedoch selbst tief in die schamanische Tombola greifen und alles andere als europäischen Schamanismus praktizieren – traurig, aber wahr.

Kein echter europäischer Schamane ist wirklich Anhänger von kubanischem Santeria und praktiziert gleichzeitig japanisches Reiki – zumindest nicht ohne dabei seine Glaubwürdigkeit als „echter“ und „authentischer“ Schamane und damit an Seriösität und seinen Status als europäischen Schamanen zu verlieren. Da ist die Rede von Stadtschamanen, die dringend gebraucht werden um der Stadt ein Stück Natur zurückzugeben. Nur virtuell und visuell wie die Schamanen in World of Warcraft versteht sich, denn schließlich kann man durch keine schamanische Praktik die Stadt begrünen oder den Smog wegtrommeln. Dafür muss man schon selbst Hand anlegen oder sich aktiv dafür bzw. dagegen einsetzen – wofür man allerdings keinen Schamanismus praktizieren oder zum Stadtschamanen werden muss. Fakt ist: Durch Licht und Liebe allein lässt sich der Klimawandel mit Sicherheit nicht aufhalten.

In neoschamanischen Kreisen kursiert zusätzlich die Auffassung, dass eine Jeder die Fähigkeit zum schamanischen Reisen hat und jeder Schamane werden kann, der entweder entsprechene Literatur liest und die Anleitungen darin befolgt, an Seminaren oder Workshops von bereits ausgebildeten Plastikschamanen teilnimmt, sich an einer echten Schamanenschule oder internationalen Schamanismus Akademie für viel Geld einschreiben lässt. Fast immer jedoch handelt es sich bei den Ausbildern, Autoren, Anbietern und Seminarleitern selbst um Esoteriker, die den Schamanismus als geschäftsfördende Modeerscheinung für sich entdeckt haben. So gut wie nie verbirgt sich hinter solchen Angeboten tatsächlich ein echter Schamane, der nichts mit Esoterik zu tun hat oder die Entwicklung des Neoschamanismus kritisch betrachtet. Echte Schamanen schwimmen weder im Becken des Neoschamanismus, noch haben sie irgendwas mit Esoterik am Hut.