Europäischer Schamanismus -

Gedanken und Erklärungsversuche zum europäischen Schamanismus

Glaubensgebilde und Grundmauern

Im Schamanismus gibt es mehrere gemeinsame Elemente und Übereinstimmungen mit anderen Kulturen. Welche das genau sind, erfahren Sie auf der Seite über Schamanische Kosmologie. Diese Punkte bilden weltweit die Grundfeste des jeweils gelebten Schamanentums. Es liegt an uns die Grundfesten mit Inhalt zu füllen und ein stabiles Gebäude daraus zu machen. Doch dafür muss man wissen welche Materialien sich vertragen und wie viel sie tragen können.

Ein Beispiel: Es bringt uns Nichts, wenn wir indianische Grundmauern in unserem Glaubensgebilde haben und diese mit indischer Spiritualität, chinesischer Philosophie und germanischer Magie füllen, um hinterher festzustellen, dass ein Mischmasch das Gebäude so instabil macht, als wäre es auf Sand errichtet worden.

Es ist demnach unumgänglich dass man den Inhalt an die Grundfeste anpasst als auch umgekehrt. Falls nicht, wird das Gebilde nicht lange halten und über kurz oder lang einstürzen. Was auch immer man sich in Gedanken aufbaut, so sollte man dabei konsequent sein, jedoch nicht konservativ. Demnach stellt das Lernen selbst von indigenen oder exotischen Völkern kein grundsätzliches Tabu oder Verbrechen dar, sondern vielmehr das Nachahmen ihrer Praktiken und Riten in unseren Breiten – womit wir beim nächsten Thema wären.

Die Technik können wir uns zeigen lassen, Kultur haben wir selbst.

Kultureller und spiritueller Diebstahl

Die nächste Frage, die sich also bei dem Errichten des Glaubensgebäudes auftut wäre, ob die Anlehnung an indigene Spiritualität spirituellen oder kulturellen Diebstahl darstellt, wenn auch kein Tabu. Hier gilt es dann zu klären, inwieweit unsere Kultur selbst schamanische Einflüsse hat und ob Schamanismus auf bestimmte Länder beschränkt oder doch eher ein weltweites Phänomen ist. Wenn Schamanismus nur auf bestimmte Länder beschränkt ist, haben wir kein Recht, von „drüben“ etwas mitzunehmen und es unser Eigen, geschweige denn europäischen Schamanismus oder heimischen Schamanismus zu nennen. Falls nicht, dann müssen wir zurück zu unseren Wurzeln finden, diese freilegen und anfangen, unseren Schamanismus wieder zu(be-)leben – wenn nötig, mit Hilfe von anderen schamanisch geprägten Völkern. Dabei sollten diese jedoch lediglich eine Vorbildfunktion erfüllen und uns bei den ersten Schritten auf dem eigenen schamanischen Boden helfen. Weitergehen und Bebauen müssen wir diesen selbst. Die schamanische erste Hilfe anderer Kulturen darf niemals selbstverständlich werden und muss Hilfe zu Selbsthilfe bleiben.

Wenn wir uns auf den Begriff versteifen, kann man mit Recht behaupten, dass es Schamanismus nur in Sibirieren gibt und auch nur dort die Spezialisten Schamanen sind. Denn sowohl der Begriff Schamanismus als auch die Bezeichnung Schamane sind sibirischen Ursprungs und haben sich gegen Ende des 17. Jahrhunderts in Deutschland etabliert. Heben wir jedoch unseren Blick und schauen über den Tellerand, dann erkennen wir, dass das, was hinter dem Wort bzw. Sammelbegriff Schamanismus steckt, überall auf der Welt verbreitet ist. Schamanismus beinhaltet eine ganze Reihe von naturspirituellen Techniken und Glaubensansätzen, die je nach Kultur anders bezeichnet, praktiziert und gelebt werden. So kommt es vor, dass die Heiler in Sibirien Schamanen heißen und in Amerika Medizinmenschen. In Afrika bezeichnet man sie als Buschmänner usw. usf. Wenn wir also wissen wollen, ob Schamanismus ein weltweites Phänomen ist, dann müssen wir zuerst lernen, uns nicht an Begriffen festzuhalten, sondern das zu betrachten, was mit dem Begriff Schamanismus gemeint ist – und in diesem Fall wäre es die Anwendung von ethnomedizinischen Techniken in naturspirituellem Kontext. Und das hat es definitiv auch bei uns gegeben!

Heimischer Schamanismus

Viele schielen ab und zu auf den Schamanismus in anderen Kulturen, der jahrhunderte (manchmal auch jahrtausende) lang ununterbrochen gelebt wurde, was in Europa aus mehreren Gründen nicht möglich war. Verständlich, wenn man bedenkt, wie lange allein Heiden in Europa geächtet und verfolgt wurden. Die Hexenverbrennnung seitens der Kirche war zwar nur einer von vielen Gründen, jedoch der ausschlaggebendste, weshalb sich die schamanische Kultur bis heute schwer tut, von Neuem zu wachsen. Von Einigen wird der Schamanismus leider immernoch als eine Geisteskrankheit angesehen, wobei doch die Weltgesundheitsorganisation längst klar gestellt hat, dass Schamanismus gleichwertig mit anderen alternativen Heilmethoden ist. Sobald wir unsere Kultur nach schamanischen Ansätzen durchforsten, werden wir uns einige Fragen gefallen lassen müssen. Vor allem aber welche Wurzeln es zu finden und freizulegen gilt.

Dafür müssen wir uns auf eine Reise durch die Geschichte begeben und in unseren Breiten nach Personen, Völkern und Gesellschaften suchen, die sich ernsthaft mit heimischer Heilkunde und Spiritualität beschäftigt haben. Sei es in poetischer Form, medizinischer Hinsicht oder durch ein heidnisches/naturspirtuelles Leben. Dabei stoßen wir mit Sicherheit irgendwann auf Hildegard von Bingen, Paracelsus und Johann Wolfgang von Goethe – mitunter auch auf Druiden und Barden. Sogar in unseren Märchen und Geschichten finden wir Vieles, was auf schamanisches Wissen unserer Vorfahren zurückschließen lässt. Natürlich gibt auch noch lebende Vorbilder bzw. Autoren, wie z.B. Wolf-Dieter Storl und Christian Rätsch, die uns eine Inspiration und große Hilfe bei der Suche nach der europäischen Schamanentradition sein können. Finden müssen wir sie jedoch selbst, jeder für sich.

Entgegen der weitläufigen Meinung sind Germanen und Kelten nicht die einzige Anlaufstelle im Hinblick auf europäischen Schamanismus – jedoch die Bekannteste. Es spricht nichts dagegen, sich an diesen beiden Völkern zu orientieren, solange man nicht versucht alle Praktiken von damals nachzuahmen oder auszuprobieren – nur um ein Gefühl davon zu bekommen, wie sich keltischer oder germanischer Schamanismus damals anfühlte. Wenn man sich wirklich an germanischen oder keltischen Wurzeln orientieren möchte, muss man lernen das alte Wissen auf die neue Zeit anzuwenden und darf nicht in der Vergangenheit stecken bleiben. Die Welt ist im Wandel und auch die die Gesellschaft, mit welcher der Schamanismus verbunden ist.

Voruteile

Nun ist es allerdings so, dass man leicht in eine Schublade gesteckt wird, wenn man vom germanischen Schamanismus spricht oder sich dazu bekennt. Da gibt es beispielsweise einen Gruppierung im Internet, die sich immens für indigene Völker und das Recht auf ihre Spiritualität einsetzt. Sie beobachten die weltweite Entwicklung auf dem Schamanismus-Markt und kritisieren regelmäßig Personen, die Schamanismus praktizieren. Nur selten geht es um den spirituellen Hintergrund, der praktiziert wird – viel öfter geht es allgemein um das Vorrecht des Schamanismus. Doch gerade diejnigen, die ihren eigenen Schamanismus so eifrig verteidigen und immer wieder betonen, dass die Anderen ihn bei sich selbst suchen sollen, beschimpfen die Anderen immer wieder als Plastikschamanen, wenn sie genau das tun. Diese Gruppierung glaubt einfach nicht, dass es germanischen Schamanismus gegeben hat und macht es sich damit einfach über andere herzuziehen – nur weil sie selbst noch nie davon gehört oder gelesen haben.

Dann gibt es die andere Schublade mit historischem Hintergrund: Wer germanischen Schamanismus ausübt oder germanische Spiritualität lebt, sei heimlich Nazi oder völlig von Sinnen. Auch heute haben wir es nicht leicht, den gefundenen heimischen Schamanismus unbefangen in der Öffentlichkeit zu präsentieren, geschweige denn zu verteidigen. Nicht Jeder, der sich mit Runen auseinandersetzt ist automatisch ein Nazi, sowie Jemand kein Mörder sein muss, nur weil er ein Messer im Küchenschrank hat. Diese und andere Vorurteile gegen Heiden hat es jedoch schon vor dem dritten Reich gegeben. Damals war eben jede Frau gleich eine Hexe, wenn sie sich mit Kräutern auskannte. Man hat also schon immer versucht, europäische Spiritualität zu unterdrücken und zu verteufeln. Das geschieht heute zwar nach wie vor, doch in einem wesentlich geringeren Ausmaß. Und es auch liegt weniger an den Menschen, die „anders“ sind, sondern vielmehr an fehlenden Toleranz und Akzeptanz unserer Gesellschaft. Wann sich diese ändert weiß keiner, doch man darf deshalb nicht den Kopf in den Sand stecken und sich damit das Recht auf Religionsfreiheit wegnehmen lassen.

Gelebter Schamanismus

Grundsätzlich ist es für den am Schamanismus Interessierten oder den schamanisch Praktizierenden sehr schwer, sich in einer durchaus unschamanischen Gesellschaft zurechtzufinden und von ihr toleriert, geschweige denn respektiert oder anerkannt zu werden. Auf Grund der geschichtlich bedingten christlichen Prägung scheint es in der zudem noch modernisierten Welt nahezu unmöglich zu sein, schamanisch zu leben oder zu praktizieren. In einer Welt wo Zeit Geld ist und Geld die Welt regiert, kommt man selten zur Ruhe oder zum Nachdenken. Wie soll man da Schamanismus bzw. Schamanentum leben, mag sich jeder zurecht fragen. Die Arbeit spannt einen fast vollkommen ein und die Familie beansprucht den Rest der Zeit, sodass auf den ersten Blick keine Zeit mehr für siche selbst, respektive Schamanismus bleibt. Auf den zweiten Blick jedoch erkennen wir, dass sich ein Weg auftut, wenn wir es nur wirklich wollen – auch in einer unschamanischen Gesellschaft.